KURZFILME

The orange kiss
(1996)

INHALT
Zwölfjährige Kinder üben ihre sekundäre Bindung: Das Alpha-Mädchen inszeniert für ihre Clique die Erprobung des ersten, schüchternen Kusses – jenseits von romantischen Gefühlen.
Die distanzierte Schwarzweiß-Kamera des französischen Kameramannes Manuel Terran macht die Sprödigkeit des Alters an der Schwelle zur Pubertät greifbar.

„Ich war schon lange fasziniert von der Arbeit des französischen Regisseurs Jacques Doillon und seine Filme mit und über Kinder, die in spezieller Weise die Sicht der jungen Darsteller einfängt und zeigt. Unvergessen Filme wie „Ponette“ mit der vierjährigen Hautdarstellerin Victoire Thivisol, die als jüngste Preisträgerin mit der Coppa Volpi bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet wurde. Ich wollte etwas ähnliches ausprobieren – wenn auch mit einem ganz anderen Thema. Um den richtigen (Kamera-) Blickwinkel zu finden, konnte ich den Oscar-nomminierter Kameramann Manuel Terran für das Projekt gewinnen.“
Hubertus Siegert, Regisseur

„Langeweile, Beziehungslosigkeit und wachsende Brutalität wirken vor allem durch die gut geführten jugendlichen Darsteller überzeugend.(…) Ohne aufgesetztes Pathos wird ein Zustand und Lebensgefühl beschrieben, das Beklemmungen hervorruft und zur Diskussion geradezu herausfordert.“
Aus der Begründung der Deutschen Film- und Medienbewertung für das Prädikat wertvoll, 1997

Die Uraufführung von THE ORANGE KISS fand beim Locarno Film Festival 1997 statt.

CREDITS
mit: Laura Marvin, Leon Jürges
Regie und Produktion: Hubertus Siegert
Buch und Schnitt: Karin Nowarra
Regie-Assistenz: Britt Beyer
Kamera: Manuel Teran
Mischung: Martin Steyer

Das Casting für den Film The Orange Kiss finden an der Fläming-Schule statt – der Schule, deren Schüler im Mittelpunkt des zweiten Kinodokumentarfilmes von Siegert stehen wird: KLASSENLEBEN.
„Ohne The Orange Kiss und meinen dadurch entstandenen Kontakt zu der Lehrerin Frau Haase, wäre KLASSENLEBEN wahrscheinlich nie entstanden.“
Hubertus Siegert

Das Sonnenjuwel
(1995)

INHALT
Der Blick des Zuschauers streift durch einen Supermarkt der 1990er Jahre. Waren werden sortiert und aufgefüllt. Noch hat der Supermarkt nicht geöffnet, noch ist er ohne Kunden. Es wirkt wie die Ruhe vor dem Sturm.
Und der Sturm kommt: In Form eines jungen Mädchens. Die erste und bisher einzige Kundin streift durch die Gänge zwischen endlosen Supermarktregalen. Sichtlich unbeeindruckt. Und zunehmend genervt.
Während auf Hubwagen immer mehr Waren in den Supermarkt gebracht werden, trifft der Überfluss, die Sinnlosigkeit und die Banalität der Warenwelt auf ein Individuum.
Die Protagonistin hat in ihrer Jugendlichkeit ein besondere Kraft sich aufzulehnen und zu zerstören, was „man ihr vorsetzt“. Tatsächlich „explodiert“ die Situation schließlich und man ist unweigerlich an die berühmte Explosionsszene in Antonioni „Zabriskie Point“ erinnert.


„Ich empfand diesen Film als ein Experiment. „All you need to make a movie is a girl and a gun“, hat ja jeder schon mal gehört. In meinem Film wird das Mädchen selbst zur Waffe. Ich wollte eine Art konsumgesellschaftskritisches Punk-Märchen erschaffen – und bin Mitte der 1990er damit auf eine Menge Unverständnis gestoßen. Vielleicht ist genau das ein Zeichen dafür, dass es funktioniert hat. Heute wirkt der Film recht geheimnisvoll.“
Hubertus Siegert

CREDITS
Regie und Produktion: Hubertus Siegert
Dramaturgische Beratung: Karin Nowarra
Schnitt: Eva Schlensag
Kamera: Ralf Kalle Dobrick
Musik: Thom Willems
Mischung: Hartmut Eichgrün
Ausstattung und Effekte: Brian Edmonds

Musik spielt in diesem Film eine große Rolle – sie stammt vom Komponisten Thom Willems, dessen Werke in Verbindung mit dem Choreografen William Forsythe im Repertoire praktisch aller großen Ballett-Compagnien weltweit vertreten sind.
Das SONNENJUWEL wurde als Stummfilm gedreht und nachvertont. Es wird kein Wort gesprochen – aber das Rumpeln des Einkaufswagens, die aufeinander schlagenden Konservengläser in Kombination mit Willems‘ Musik sprechen für sich.

Stravinsky in Berlin
(1993)

INHALT
Der Mythos der Berliner U-Bahn-Linie 1 in wahrhafter Nüchternheit: Gedreht Anfang der 1990er Jahre fühlt sich der Stummfilm an wie ein letztes Echo des Westberliner Kreuzbergs – des damaligen Kult-Stadtteils, dessen Bewohner und Geschichten heute zu großen Teilen der Gentrifizierung zum Opfer gefallen sind.
Leben, kämpfen, innehalten – aufeinandertreffen, sich berühren, abwenden. Alles eingefangen in den Momenten, in denen Fremde während einer Hoch-Bahnfahrt kurz zu Wegbegleitern werden und andere wiederum Bahnhöfe und Wagons als ihr Zuhause einnehmen. Zuweilen wird die Beobachtung so nah und eng, dass einem der Atem stockt. Erleichternd und distanzschaffend der Blick durch die Zugfenstern auf die Stadt.
Die Begegnungen erinnern durch die mit der Musik abgestimmte Montage an ein Theaterstück mit geplanter Dramaturgie.

Der Film wurde ausschließlich in den Zügen und und Bahnhöfen der legendären Berliner U-Bahnlinie 1 gedreht und auf die zeitlose Ballettmusik Petruschka von Igor Strawinsky geschnitten, die eigentlich dem Jahrmarkt der menschlichen Eitelkeiten gewidmet ist und hier den anachronistischen Klang für eine vergangene Welt bietet.
Der Film tourte in den 1990er Jahren, dem Jahrzehnt der Wiedervereinigung, zusammen mit Walter Ruttmanns BERLIN – DIE SINFONIE DER GROßSTADT (1927) in vielen Ländern.

Die Uraufführung des Filmes fand beim Dokfest in Leipzig statt.

STRAVINSKY IN BERLIN wurde mit dem Grand Prix Video Danse Paris ausgezeichnet.

CREDITS
Buch, Kamera, Montage und Produktion: Hubertus Siegert
Dramaturgische Beratung: Claudia Rudolph
Partitur-Kamera: Dieter Welsch
Musik: Pétrouchka, Igor Strawinsky, Fassung 1911

Auch wenn STRAVINSKY IN BERLIN kein Stummfilm im eigentlichen Sinne ist, verwendet er für den klassischen Stummfilm typische Elemente: Er ist in schwarz-weiß gedreht, statt Sprache gibt es Musik und die eingeblendeten Akte von Petruschka dienen als Zwischentitel.

Ab diesem Film wird bei S.U.M.O.-Produktionen Musik – oder deren bewusste Abwesenheit – eine große Rolle spielen:
Für den Kinodokumentarfilm BERLIN BABYLON (2001) schieb die Kult-Band Einstürzende Neubauten den Soundtrack.
Der Film BEYOND PUNISHMENT (2015) verzichtet auf jegliche Musik, selbst im Abspann.

PRESSE
„STRAVINSKY IN BERLIN von Hubertus Siegert hat die unmögliche Länge von 35 Minuten. Schwarzweiß. Ohne Worte. Aber mit der Ballettmusik „Petruschka“ von Strawinsky, die zu Berlin so genau passt wie Gershwin zu Manhattan. Siegert schneidet U-Bahn-Szenen, die ehemalige Linie 1, Kreuzberg, im Rhythmus der Strawinskymusik, erzählt kleine Geschichten über Liebespaare, Bettler und Freaks, Ereignisse auf den Bahnhöfen Kottbusser Tor, Görlitzer Bahnhof, Schlesisches Tor. Aber ohne Zoom, ohne Schwenks, ohne Fahrten. Ein moderner Stummfilm, der zwischen zwei sehr verschiedenen Vorbilderns steht: Walther Ruttmanns „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ und dem Musical „Linie 1“. Siegert ist 1980 nach West-Berlin gezogen. Der Film beschreibt seinen Abschied von der Halbstadtheimat, die es nicht mehr gibt. Letzte Bilder. Ein Totentanz für den Mythos Kreuzberg.“
HARALD MARTENSTEIN Der Tagesspiegel, 5.12.1993

Zwischen den Zeiten – Berlin Gleisdreieck
(1985)

INHALT
In einer frühen Phase der Ökobewegung zieht der Film Parallelen zwischen riesigen Innenstadt-Brachen am Gleisdreieck in West-Berlin mit der Wiederbesiedlung durch Pflanzen nach der letzten Eiszeit. Eine detaillierte Beobachtung der Ruinenlandschaft auf den Reichsbahnflächen in Kreuzberg für Pflanzenkenner und Interessierte der Berliner Stadtgeschichte. Der Film hält einen Moment fest, der heute – nach der Eröffnung des Park am Gleisdreieck (2011-2014) – kaum mehr vorstellbar ist. Das historische Dokument eines geschichtsträchtigen Ortes.


Der Kurzfilm ZWISCHEN DEN ZEITEN – BERLIN GLEISDREIECK entstand mit Mitteln der Bundesgartenschau Berlin 1985.

Der Film erhielt 1985 den Preis des Festivals Ökomedia.

CREDITS
Konzeption und Montage: Andreas Oberbach, Hubertus Siegert
Kamera und Montage: Rainer Meißle
Musik: Astor Piazolla, Ludvik Mann

Der präzise, nicht interpretierende Blick und die Verbindung zwischen Stadtgeschichte und Dokumentation von Aktuellem ist in Siegerts ersten Kinodokumentarfilm BERLIN BABYLON (2001) wiederzufinden.